Irgendwo dazwischen.

  • Seite 1

    2018 war ein verrücktes Jahr.

    Ich glaube während meines gesamten Lebens war ich nie so viel emotionalem Stress ausgesetzt, durchlief so viele Gefühle wie Angst, Depression aber letzten Endes auch Zufriedenheit, wie im vergangenen Jahr.

    Mein kleiner, persönlicher Jahresrückblick in das Jahr, in dem ich vom Multimillionär zurück zum normalen Studenten wurde.

    ————————————————————

    Vor ziemlich genau einem Jahr verflog die Zeit wie im Flug für mich.

    Der Kryptoboom war auf dem Höhepunkt und das Trading gestaltete sich wie ein Kinderspiel.

    Nachdem mein Portfolio über 2017 stetig auf sechsstellige Summen angewachsen war, dauerte es im Winter 2017 nur wenige Wochen, bis meine Investments mehrere Millionen Dollar wert waren. Zu dieser Zeit herrschte Euphorie, tägliche Media Coverage, immer größere Announcements und immer mehr Firmen, die ihr Interesse an der innovativen Blockchain Technologie verkündeten.

    Es schien kein Ende zu nehmen und wir, die mit Skin in the Game, die das erste Mal einen solchen Marktzyklus durchliefen, wollten nicht realisieren, wie irrational sich der Markt zu diesem Zeitpunkt verhielt.

    Klar, es gab auch externe Faktoren, die uns davon abhielten, größere Summen auszuzahlen. Aber man dachte sich eben auch einfach „wenn das Projekt innerhalb so kurzer Zeit eine Marktkapitalisierung von 8b$ erreichen konnte, wieso nicht auch gleich 10b$?“

    Im Hinterkopf setze man sich täglich höhere monetäre Ziele, malte sich aus, was für ein Leben man mit so viel Geld führen könnte.

    Das Ende kam dann gar nicht so jäh, wie ich es mir vorgestellt hätte.

    Preise stürzten nach einem exponentiellen Wachstum zwar um 30, 40% ab, aber ich hatte mein Geld ja in fundamental starke Projekte investiert. Sicherlich würden sich diese wieder fangen – und mit neuen Announcements wären natürlich auch wieder neue All-Time-Highs in Aussicht. Die Chartfraktale, die ich mit meinem paar Monaten Erfahrung entdeckte, bestätigten dies ja auch.

    Reine Delusion.

    Mir gefällt die (frei zitierte) Aussage von CryptoCobain sehr. „In Bärenmärkten werden Investoren nicht durch plötzliche Preiscrashes ausgesiebt. Das langsame Absterben der Projekten, über Monate, wenn nicht sogar Jahre hinweg ist es, was Anlegern die Hoffnung auf jegliche Besserung nimmt.“

    An sich schon eine kleine Zusammenfassung von Crypto-2018.

    Ich weiß nicht, wie viele Leute im Verlauf des Jahres kapitulierten. Bestimmt 80-90%. Die meisten davon, nachdem ihre Investments um mehr als 90% gefallen waren. Viele Menschen verschuldeten sich. Manche nahmen sich laut Reddit sogar das Leben.

    Als Externe/r kann man sich nicht vorstellen, was für eine gewaltige Wirkung der Markt auf die menschliche Psyche haben kann.

    Bei mir begann es zunächst mit schlaflosen Nächten.

    Mehr als nur einmal saß ich nachts um 3 Uhr vor dem PC, weil kurz nach Mitternacht in den USA ein FUD-Artikel veröffentlicht wurde, was entweder bedeutete dass weitere Preisstürze folgten, oder dass meine Token gar in Gefahr vor Hackern, Exit Scams, etc. waren.

    Panische Verkäufe blieben glücklicherweise aus, wenigstens so weit hatte ich mich im Griff.

    Der Stress, den ich permanent im Hinterkopf trug, hatte aber auch andere Auswirkungen auf mein alltägliches Leben.

    Ich verbrachte stundenlange (unnötige) Zeit vor dem PC, hörte auf mit Sport, ernährte mich ziemlich ungesund und isolierte mich immer mehr von sozialen Kontakten. In der Uni saß ich nur meine Zeit ab, das Studium verlor komplett an Wichtigkeit. Klar, innerhalb von 2 Monaten verdiente ich mit Trading mehr Geld, als ich als Lehrer in meinem gesamten Leben verdienen werden würde.

    Geld regierte mein Leben.

    Okay nein, das klingt jetzt etwas ZU dramatisch. Aber Geld nahm definitiv einen immer größeren Platz in meinem Bewusstsein ein, obwohl ich mich innerlich eigentlich dagegen strebte.

    Ich glaube es war so im Mai, als ein kleiner Uptrend wieder ein jähes Ende fand und erneut alle Hoffnungen der Investoren zerschlagen wurden, als mir klar wurde, dass es für mich so nicht weitergehen konnte.

    Ich entschied mich dazu, mein Mindset komplett umzustrukturieren. Von Shorttermerwartungen, dass ich innerhalb eines Jahres finanziell unabhängig werden könnte, hin zu einem langfristigen Horizont.

    Ich war – und bin zuversichtlich, dass mein damaliger Research rational durchdacht war und denke, dass sich meine Investments erholen werden. Der langfristige Erwartungshorizont hilft mir jetzt aber ungemein dabei, mich von den Preisschwüngen zu lösen, mich vom Markt zu distanzieren.

    Insgesamt würde ich mich trotz alledem als Gewinner des Kryptobooms bezeichnen. Nicht nur, weil ich finanziell davon profitieren und die schlimmste Phase des Bärenmarkts überleben konnte, sondern vielmehr auch wegen der Erfahrungen, die ich in dieser Zeit sammeln konnte.

    Der Boom ermöglichte mir, weit über den Verhältnissen eines normalen Studenten zu leben.

    Anfänglich kleine materielle Wünsche konnte ich mir ohne Nachdenken erfüllen. Uhren, ein neues Tablet, einen Beamer, einen Tesla, ein Seegrundstück, ein Architektenhaus. Die Wünsche wurden immer größer. Bekannte von mir spekulierten bereits damit, sich eigene Inseln zuzulegen.

    Reicht das für mich, um mich selbst noch als realistisch, bzw. bodenständig zu betiteln? Smiley

    Naja, einige der Wünsche erfüllte ich mir natürlich, aber was mir immer und immer wieder auffiel, war, wie das Glücksgefühl, das ich dadurch erhielt, nur von kurzer Dauer war. Teilweise machte es mich nicht einmal mehr glücklich, es stellte mich lediglich zufrieden.

    #latestagecapitalism

    Ich bin inzwischen der festen Überzeugung, dass der Mensch langfristig nicht durch Materialität glücklich werden kann. Vielmehr sind es die Beziehungen zu anderen Menschen, die einem etwas bedeuten, die das Leben wirklich ausfüllen. Leider kommt diese Erkenntnis für mich etwas spät und ich habe einige, mir sehr wichtige Beziehungen auseinandergehen lassen.

    Aber so sehr man so manches bereut, sollte man aus seinen Fehlern lernen – und damit sollen meine Ziele für 2019 auch schon feststehen: Mehr Kontakte zu neuen Menschen knüpfen, mit gescheiterten Beziehungen abschließen und die bestehenden Freundschaften pflegen und voll ausleben.

    Außerdem sollte dieses Jahr wenigstens ein Urlaub drin sein (das schiebe ich jetzt auch schon seit 3 Jahren vor mir her..) und die zu Weihnachten geschenkt-bekommene Gitarre lernt sich nun mal auch nicht von alleine. 🙂

    Allen, die es (aus welchem Grund auch immer) bis an das Ende dieses (leider sehr autobiografischen) Textes verschlagen hat, wünsche ich einen guten Rutsch und ein frohes, erfülltes Jahr 2019!

  • Seite 2

    In allen möglichen Social Media Kanälen herrscht momentan die Debatte über die neue US-Steuer für Top Verdiener, denn für alle Menschen, die mehr als 10 Millionen USD im Jahr verdienen, soll eine Steuer von 70% anfallen.

    Diese Debatte verbildlicht die Stupidität unserer Gesellschaft.

    Und dennoch kann man den meisten Menschen wohl keine Vorwürfe dafür machen.

    ____________________

    Das Thema wurde gewaltig von allen großen Medienanstalten in den USA aufgewühlt. CNBC, ABC, Zerohedge, alle forderten fleißig zu Diskussionen des Themas auf.

    Schnell erhitzte sich die Stimmung, und – wie es bei bei der Social Media Kommunikation nun mal eben so ist – es folgten emotionale 0 oder 1 Argumentationen beider Seiten.

    Die Ideologie der Arbeiterklasse, dass sie unterprivilegiert sei, stößt hier frontal auf die des Liberalismus, in dem allen Menschen die gleichen Rechte zustehen sollten, seien es Männer oder Frauen, Schwarze oder Weiße, Besser- oder Schlechtverdiener.

    Was hier von den Medien betrieben wird, ist einfach: Purer Populismus!

    Es sollte jedem rational denkendem Menschen klar sein, dass die Diskussionsthematik an sich schon vor Lächerlichkeit nur so strotzt.

    Verbildlichen wir uns den Kapitalismus als einen Luftballon, der durch die monetäre Politik der FED stetig mit Wasser (Liquidität) gefüllt wird.

    Nun ist das System, der Luftballon, an einer Grenze angelangt, an der die ersten Löcher entstehen.

    Eine 70% Steuer für Top-Verdiener wäre nun ein kleines Pflaster, das vorrübergehend das Loch zwar stopfen, aber nicht annähernd die eigentliche Ursache bekämpfen würde.

    Es MUSS den amerikanischen Journalisten klar sein, dass eine solche Steuer keinerlei Auswirkungen haben würde, als die Masse zu besänftigen und für eine Zeit lang von wichtigeren politischen Abläufen abzulenken.

    Reiche Menschen, besonders superreiche, die 8-stellige Gehälter im Jahr verdienen, rechnen ihr Gehalt mit Sicherheit nicht über eine persönliche Income Tax ab.

    Das Gehalt wird über Firmen abgewickelt, fließt in Family Offices, private Hedge Funds, Real Estate, und, und, und.

    Nur eins wird es sicherlich nicht: Zu mehr als 50% in staatliche Taschen fließen.

    Ich denke, auch den Reichen kann man keine Vorwürfe machen, bedenkt man, was (gerade mit amerikanischen) Steuergeldern national, aber auch international angestellt wird.

    Das eigentliche Problem, was mich so stört, ist die Manipulation der Menschen.

    Emotionen werden gelenkt – und das inzwischen nicht mehr nur von offensichtlich populären Medien (wie in Deutschland der BILD), sondern auch von eigentlich neutralen Massenmedien.

    Das Ganze geschieht subtil. Ohne weitere Beachtung fällt es einem kaum auf.

    Mir persönlich wurde es während der Crypto-Bubble 2017/2018 klar, als täglich einseitige Berichterstattungen von renommierten Medien, wie Der Tagesschau, Die Welt, Die Zeit, CNBC, Bloomberg, etc. veröffentlicht wurden.

    Genauer möchte ich in diesem Post nicht darauf eingehen, aber es lief stets nach dem gleichen Prinzip ab. ‚Narratives‘, Erklärungen für Vorkommnisse, die sich in der Art gar nicht zugespielt hatten, wurden erfunden und der breiten Öffentlichkeit verheißungsvoll präsentiert.

    Narrativen, die den Grundinformationsdrang der Menschen sättigten, allerdings von den realen Ursachen ablenkten. Illusorische Korrelationen wurden erschaffen.

    Die Menschen werden in einer Informationsblase gehalten, die sie weiterhin von weniger öffentlichen Informationen abschirmt.

    Ihnen wird das Gefühl gegeben, sie handelten nach freiem Willen, dabei wird Ihre Denkrichtung unbewusst vom Diskurs der Massenmedien gesteuert.

    Wie kann ich Medien in anderen Bereichen jetzt noch trauen, wo ich miterlebt hab, wie manipulativ in einem Feld berichtet wurde, in dem ich mich gut auszukennen gedenke?

    Ich glaube nicht, dass sich dieses Spiel mit der menschlichen Verfügbarkeitsheuristik noch viel länger weiterspielen lässt. Dafür sind durch Kommunikationstechnologien wie dem Internet inzwischen zu viele alternative Informationskanäle verfügbar.

    Die Frage die sich mir stellt ist, was passieren wird, wenn irgendwann einzelne Pflaster nicht mehr reichen werden, um das Platzen des Luftballons zu verhindern.

    Ob sich das Wasser gleichmäßig verteilen, oder von irgendwoher eine Schale untergeschoben wird, die das Wasser vom Boden abschirmt, das kann niemand voraussagen.

    Wichtig ist nur, dass man sich nicht von den Pflastern ablenken lässt. Dass man sich distanzieren und objektiv Geschehnisse bewerten kann.

    Denn sollte die Etablierung einer neuen, vielleicht noch unbekannten Gesellschaftsordnung in realistischer Nähe sein, kann man mit Gewissheit davon ausgehen, dass die abzulösende Elite mit aller Macht und allen möglichen Manipulationsmöglichkeiten versuchen wird, an dem scheiterndem, asymmetrischen System festzuhalten.

    Und: Nein, ich denke ich bin kein Verschwörungstheoretiker. 🙂

  • Seite 3

    Vor kurzem habe ich mir wieder Tinder installiert.

    Wieso? Das weiß ich selbst nicht einmal.

    Weder bin ich der Typ für One-Night-Stands, noch habe ich auf diesen Plattformen bislang den Frauentyp gefunden, auf den ich stehe.

    Vermutlich ist es einfach nur ein unterhaltsamer Zeitvertreib.

    ____________________

    Ich finde es recht amüsant, auf welche Weise sich die Menschen auf Tinder, ähnlich wie auch bei Instagram oder LinkedIn, selbst inszenieren.

    Eine Psychologiedozentin meinte einmal in einem Seminar, dass man Tindernutzer in weniger als 20 Typen gruppieren könne.

    20, das finde ich ist schon eine Menge. Müsste ich die Menschentypen aufs gröbste reduzieren, würden vermutlich bereits fünf Typen ausreichen um 90% der Nutzer abzudecken.

    Eigentlich erschreckend, oder?

    In der Masse an Menschen, die über diese Apps auf der Suche nach Partnern sind, geht jeglicher Individualismus verloren und wird durch reine Oberflächlichkeit ersetzt.

    Diese Oberflächlichkeit kommt vermutlich eher dem weiblichen Geschlecht zugute als den Männern.

    Bei mir dauerte es so 2-3 Wochen, bis ich 15-20 Matches zusammenhatte. Ungefähr die Hälfte davon fand ich dann so interessant, dass ich sie gerne besser kennenlernen wollte.

    Im schriftlichen Austausch von Trivialitäten bin ich leider nicht sehr talentiert, deshalb versuche ich die Smalltalkphase meistens schnell abzuschließen und direkt nach einem Date zu fragen.

    Letztenendes kam es bei mir dann zu 1-2 Treffen.

    Eine große Frage, die ich mir vor jedem Date aufs neue stelle ist:

    Wie soll ich mich verhalten?

    Menschliche Beziehungen wurden von einigen Sozialwissenschaften, u.A. der Psychologie, ausführlich thematisiert und das Internet macht uns diese Informationen leicht zugänglich.

    Wir wissen, wie man sein gegenüber beeinflussen kann.

    Subtile Signale, die dem Gegenüber unterbewusst Interesse und Zuneigung vermitteln sollen, gibt es zahlreiche.

    Der anderen Person beim Zuhören abwechselnd in beide Augen zu schauen signalisiert Aufmerksamkeit.

    „Mirroring“, also die Körperhaltung, Gestik und Mimik des Gegenübers zu imitieren, lässt einen sympathischer wirken.

    Und auch klassische Signale, wie Komplimente oder leichte, „zufällige“ Körperkontakte helfen dabei, eine positive Verbindung zu seinem Date aufzubauen.

    Gespräche können in bestimmte Richtungen geleitet werden.

    Viele Menschen reden gerne über sich selbst. Erzählt das Date einem von seinen/ihren Werten, die zu gewissen Teilen mit den eigenen übereinstimmen, kann man diese Gesprächsthemen besonders hervorheben.

    Oftmals erkennt man auch schnell, wie die andere Person von der Gesellschaft gerne gesehen werden würde. Vermittelt man ihr nun das Gefühl, dass man sie genauso sieht, ja sogar genauso mag, ist der wichtige positive erste Eindruck etabliert.

    Aber ist das alles nicht eine reine Illusion die man dann erschafft?

    Man besitzt das Wissen, wie man beim Gegenüber Sympathien gewinnt, die so stark sein können, dass man mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar eine Beziehung mit dieser Person eingehen könnte.

    Sollte man dieses Wissen nun nutzen, oder verstellt man sich selbst dadurch zu sehr?

    Vermutlich definiert einen am Ende genau das Ergebnis dieser Wahl.

    Ich habe mir so lange Gedanken darüber gemacht, dass ich Angst habe, ein inzwischen gestörtes Verhältnis zu dem Thema zu haben.

    Zum einen glaubte ich lange, dass ich nicht mit Personen zusammen sein könnte, die sich derart einfach manipulieren lassen.

    Zum anderen habe ich gemerkt, wie ich mich selbst davon manipulieren lasse – und wie es mir gefällt.

    Letzten Endes liegt es vermutlich einfach in unserer Natur, dass uns derartiges Verhalten von Menschen in unserem Umfeld glücklich macht.

    Dementsprechend ist es vielleicht sogar ein Fluch, das Wissen über die menschliche Psychologie im Hinterkopf zu haben, ohne welches man die Situationen eventuell sogar viel intensiver erfahren könnte.

    Dazu würde ein Zitat von Nico Semsrott passen:

    „Freude ist nur ein Mangel an Informationen.“

  • Seite 4

    Es gibt viele Arten zu lernen.

    Ob in der Schule, in der Ausbildung, bei einem Hobby, oder in der Universität, wir können auf verschiedensten Wegen an neue Informationen gelangen.

    Über Generationen hinweg war die traditionelle Methodik des Bildungsweges der Menschen festgeschrieben.

    Doch in der heutigen Zeit sollten wir uns so langsam (lieber schneller) Gedanken über tiefgreifende Veränderungen unserer Lernkultur machen.

    ____________________

    Vor Jahrtausenden von Jahren lief Lernen noch anders ab.

    Menschen zeigten Menschen in direkter Interaktion, wie Tiere gejagt, Essen gesammelt, oder ein Feuer entfacht wurde.

    Mit der Schrift wurde den Menschen später eine ganz neue Dimension des Lehrens erschlossen.

    Der Lehrer musste nicht mehr anwesend sein, sondern konnte sein Wissen über Objekte, Bücher, weitervermitteln. Selbst über seinen Tod hinaus.

    Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks ermöglichte es im 15. Jahrhundert dann, Wissen so einfach zu reproduzieren, dass ein großer Teil der Menschheit davon profitieren konnte.

    Noch waren Informationen allerdings immer noch objektgebunden und dadurch restriktiert. Das Wissen musste vom Menschen verinnerlicht werden, um es jederzeit abrufen zu können.

    Dennoch hielt sich die Buchform über Generationen hinweg als wichtigstes Medium, als Quelle des Wissens. Beim Lehren wurde dementsprechend viel Wert darauf gelegt, dass die Lernenden das Gelesene auch wirklich im Kopf behielten, was einen großen Teil der Ressourcen des menschlichen Gehirns in Anspruch nahm.

    Das Internet läutete im späten 20. Jahrhundert dann den Beginn des Informationsalters ein. Innerhalb weniger Jahre wurde unser Leben komplett auf den Kopf gestellt. Technologie ist allgegenwärtig. Es wird geschätzt, dass bis zum Jahr 2021 mehr als drei Milliarden Menschen auf der Welt ein Smartphone besitzen werden.

    Im Endeffekt ist das Internet eine Kanalisierung distributiven Wissens, das allen Teilnehmern sofortigen Zugang zu diesem Wissens-Pool ermöglicht. Vorausgesetzt, der Teilnehmer weiß, wie er bestmöglich an dieses Wissen gelangen kann.

    Innerhalb von Sekundenbruchteilen kann ich nachschauen, aus wie viel Steinen die Pyramide von Gizeh aufgebaut ist (rund 3 Millionen), wie das Wetter morgen wird (-3°C brrrrr), oder wie der Name dieser Website im Ternärcode lautet (010220011020010211010202011002010201011102011010001200010201010121011112011102010220011021010200010212010202011002001201010201010202)

    Und trotz dieser Tatsache hat sich noch nichts daran geändert, wie wir auf nationaler Ebene Lehren und Lernen.

    Ich möchte nicht verneinen, dass (stupides) Auswendiglernen positive Auswirkungen auf die Gehirnstruktur haben kann, aber dennoch ist unser staatliches Bildungssystem meiner Meinung nach viel zu sehr auf Wissensverinnerlichung ausgelegt.

    In der heutigen Zeit, in der man bereits bestehende Erkenntnisse innerhalb kürzester Zeit abrufen kann, sollte das Lernen anders angegangen werden. Oder anders gesagt: die Intention hinter dem Lernen sollte anders aufgefasst werden.

    Zunächst einmal ist es (gerade für junge Lernende) selbstverständlicherweise wichtig, möglichst effizient auf Informationssuche zu gehen und bestmöglich falsche, oder irrelevante Informationen auszufiltern.

    Der anschließende Fokus sollte aber dann auf dem Erforschen liegen.

    Reine Repetition fördert kein kreatives Denken. Ganz im Gegenteil, das Berufen auf vorbestimmte Methodik und Lösungsstrategien verhindert, dass Lernende eigene Wege finden, mit denen sie selbst unter Umständen viel besser zurecht kämen, viel weiter kämen.

    Viele repetive Aufgaben können schon jetzt von Computern schneller, besser und fehlerfreier erledigt werden, als von Menschen. In Zukunft wird Machine Learning (und später dann AI) diesen Trend noch um Längen verstärken.

    Menschliche Ausführung wird für unsere Leben immer irrelevanter werden. Was wir brauchen werden, sind innovative Ideen und kreative Lösungsansätze. Dinge, in denen der Mensch Maschinen (noch) voraus ist.

    Und dennoch werden selbst an akademischen Institutionen (ironischer Weise auch denen für Bildung) nur zaghafte Ansätze unternommen.

    Erst kürzlich musste ich in einer Informatikklausur meinen Programmcode mit einem Stift auf ein Blatt Papier schreiben. In einer MC-Klausur wurden stichpunktartig feststehende Definitionen abgefragt. Im Medizin- und Jurastudium geht es gefühlt fast ausschließlich um reines Auswendiglernen.

    Das deutsche Bildungssystem im jetzigen Zustand gehört generalüberholt.

    Viele Fächer sollten meiner Meinung nach nicht mehr auf akademischer Ebene angeboten werden. Das Lehramtsstudium vegetiert zu einer reinen Pseudowissenschaft ohne Mehrwert für die Lernenden.

    Der Fokus sollte von oberflächlich behandelter Theorie viel mehr in Richtung Praxis gewichtet werden, und das nicht nur in den Bildungswissenschaften.

    Größere Firmen haben dies bereits erkannt. Google, Apple, IBM. Sie alle verlangen seit einiger Zeit bereits keine Hochschulabschlüsse mehr.

    Ich denke, gerade in der Wirtschaft wird es nicht mehr lange dauern, bis bestimmte Abschlüsse schon fast negativ behaftet sein könnten.

    Universitäten sind kein exklusiver Ort des Wissens mehr. Forschung findet schon längst in den skurrilsten Kreisen statt.

    Hochschulen müssen sich weiterentwickeln, sollten eher unterstüzend zum Forschen anregen, oder auf die Realität vorbereiten.

    Wird sich weiterhin auf alte Traditionen berufen um den Schein zu wahren, wird sich dies unausweichlich auf die Einstellung der Menschen zum institutionellen Lernen auswirken.

    Das Internet ist die beste Schule, die je erschaffen wurde.
    Die besten Lernpartner sind im Internet.
    Die besten Bücher befinden sich im Internet.
    Die besten Lehrer halten sich im Internet auf.
    Die Tools zum Lernen im Internet sind zahlreich.
    Das Bedürfnis nach Lernen ist es, was so selten ist.

    Naval Ravikant